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27.09.2016 | Pyrmonter Nachrichten / Juliane Lehmann
CDU-Ratsmitglieder sägen Körtner ab
Knappe Mehrheit bei konstituierender Sitzung: Überraschungskandidat Udo Nacke neuer Fraktionschef
Und plötzlich kommt es doch ganz anders, als man denkt: Ursula Körtner ist nicht mehr Vorsitzende der Pyrmonter CDU-Ratsfraktion. Zu ihrem Nachfolger hat die knappe Mehrheit der elf christdemokratischen Ratsmitglieder bei der konstituierenden Fraktionssitzung Udo Nacke gewählt. In einer schriftlichen Abstimmung. Von 2011 bis 2013 stand er schon einmal an der Fraktionsspitze. Von dort zog er sich dann zurück. Die Gründe benannte er öffentlich nicht. Mutmaßlich warf er hin, weil die eigenen Leute ihn dann doch nicht als Bürgermeisterkandidat wollten.
Vor drei Jahren trat er vom Vorsitz der Pyrmonter CDU-Ratsfraktion zurück. Jetzt ist Udo Nacke wieder in Amt und Würden. Foto: jl

Dass Nacke nun am Freitag überraschend gegen die bisherige Chefin kandidierte, empört Körtner. Sie war es denn auch, die den Personalwechsel am Montag öffentlich machte. „Von hinten schräg links in den Rücken“ nennt sie Nackes Kandidatur. Und findet: „Diese Heckenschützenmentalität ist widerlich.“ Denn bei der gemeinsamen Wahl-Nachbetrachtung der CDU mit den alten und neuen Ratsmitgliedern am 14. September habe es zwar eine sehr offene Diskussion gegeben, aber keinerlei Rücktrittsforderungen gegen sie. Und auch keine Gegenkandidatur. Erst am vergangenen Donnerstag haben sie den Hinweis bekommen, dass telefonisch versucht werde, eine Mehrheit gegen sie zu mobilisieren.

„So etwas widert mich an“, sagt die 70-Jährige. Sie habe ohnehin nur bis Ende 2017 Fraktionsvorsitzende bleiben wollen, als Platzhalterin für Dirk Wöltje. Mit dem jetzigen Stadtverbandsvorsitzenden, der derzeit noch eine berufliche Fortbildung absolviere, sei dann eine Verjüngung der Fraktion angepeilt gewesen. Den 61 Jahre alten Udo Nacke sieht sie dafür und – eingedenk seines schlechten persönlichen Wahlergebnisses – für einen Neubeginn nicht prädestiniert.

Allerdings haben nun mindestens sechs von elf Ratsmitgliedern der altgedienten Politikerin die weitere Gefolgschaft verweigert. Ihnen erschien die Ratsarbeit mit Nacke an der Spitze offenbar die aussichtsreichere Alternative. Öffentlich wurde Körtner von den eigenen Leuten wegen des Stimmenverlusts der Christdemokraten zwar nicht angegangen. Hinter vorgehaltener Hand macht der eine oder andere sie aber durchaus für den Verlust von fünf CDU-Mandaten verantwortlich. Sie selbst erklärte noch am Wahlabend, die Verantwortung zu übernehmen – und weitermachen zu wollen.



Ursula Körtner hat Nackes unvermittelte Gegenkandidatur kalt erwischt. Doch ihr bleibt nichts, als die Abwahl zu akzeptieren. Foto: jl

„Es ist ganz normaler demokratischer Prozess, dass es auch mehrere Bewerber geben kann“, sagt der neue CDU-Frontmann im Pyrmonter Rat, Udo Nacke, auf Anfrage. Er sei in den letzten zwei Wochen sowohl von Kollegen aus der neu gewählten Fraktion als auch von Bürgern gefragt worden, ob er sich eine Kandidatur vorstellen könne. Denn offenbar habe der eine oder andere darüber nachgedacht, dass sich angesichts des schlechten Wahlergebnisses etwas an der Fraktionsspitze ändern sollte. „Dann habe ich mir das überlegt.“ Seine Kandidatur sei nicht gegen Körtner persönlich gerichtet gewesen. Er habe während der vergangenen Jahre ja auch loyal in der Fraktion mitgearbeitet.

Für die CDU als stärkste Fraktion sei es nun wichtig, eine Ratsmehrheit zu finden, die es in der vergangenen Wahlperiode so nicht mehr gab. „Lange Entscheidungsprozesse, Diskussionen und möglicherweise auch der Ton hätten mit einer klaren Mehrheit nicht stattgefunden“, glaubt Nacke. Er sei nun sicher, „dass wir einen Weg finden, um in den nächsten Jahren eine effektivere Ratsarbeit abliefern zu können“.

Und was sagt er denen, die glauben, man habe ihn quasi vor allem deshalb an der Fraktionsspitze installiert, um eine Koalition mit Lars Diedrichs’ „Wir für Pyrmont“-Liste zu befördern – was unter Körtner sicherlich schwieriger würde? An ihn sei niemand herangetreten, um diese Option zur Erfüllung zu bringen, betont Nacke. „Ob es zu einer Koalition oder Gruppenbildung kommt, bleibt den Gesprächen mit den unterschiedlichen Fraktionen und Kandidaten und letztlich einer Fraktionsentscheidung vorbehalten.“

Einer, den Körtners Abwahl nicht traurig stimmt, ist Lars Diedrichs. „Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass es hilfreich wäre, andere personelle Voraussetzungen für die Arbeit im Rat zu haben“, sagt der Ex-CDU-Fraktionschef und „Wir für Pyrmont“-Gründer auf Anfrage. Vor Jahren sei es Ursula Körtner gewesen, die ihn motiviert habe, sich politisch zu engagieren. Umso trauriger finde er, dass nicht sie selbst die Konsequenzen gezogen habe. „Ihre Gift-und-Galle-Politik – erst gegen Elke Christina Roeder, später gegen den Landrat und dann gegen mich“– habe ein Arbeitsklima geschaffen, über das die Menschen den Kopf geschüttelt hätten. „Unter diesem Gesichtspunkt ist es gut, wie es sich nun entwickelt hat“, so Diedrichs. Mit Udo Nacke sei er hingegen immer gut zurechtgekommen. „Aber das heißt nicht, dass die CDU unser absoluter Wunschpartner ist. „,Wir‘ ist eine heterogene Gruppe. Nach den sehr offenen, intensiven Gesprächen können wir uns eine Zusammenarbeit auch mit der SPD und den Grünen vorstellen.“ Ein Sondierungsgespräch mit der CDU war für Montag terminiert.

Ursula Körtner bleibt nun nichts Anderes, als ihre Abwahl zu respektieren. „Ich habe einen Schlussstrich gezogen und schaue nach vorn“, steht in ihrer am Montag unter dem Briefkopf der CDU-Fraktion veröffentlichten Pressemitteilung. Ihre politische Arbeit im Kreistag und im Stadtrat werde sie „mit Einsatz und Engagement weiterführen“.


 

aktualisiert von Dirk Wöltje, 27.09.2016, 09:30 Uhr

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