Pressearchiv

15.09.2016 | Pyrmonter Nachrichten / Hans-Ulrich Kilian
Warum ist der drin?
Von Kandidatenstimmen und Listenplätzen – die Gebrauchsanleitung zum Wahlergebnis
Wieso ist der drin und die nicht? Obwohl er weniger Stimmen bekommen hat? Das System, nach dem die Sitze im Stadtrat oder Kreistag und in den Ortsräten verteilt werden, erschließt sich nicht beim ersten Blick auf die Wahltabellen in den Pyrmonter Nachrichten. Und auch der Name dieses Systems dürfte nicht allen bekannt sein: Hare/Niemeyer-Verfahren (gesprochen „Här-Niemeyer“). Wer es verstehen will, muss sich in drei Schritten vorarbeiten. Dank an Walter Schlieker, stellvertretender Wahlleiter in Bad Pyrmont, der beim Auseinandernehmen geholfen hat. Er findet: „Das ist eigentlich nicht schwierig.“
BAD PYRMONT. Das dreistufige Wahlverfahren erklären wir zunächst am Beispiel von Klaus Muchow. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende hatte sich erneut für die Kommunalwahl aufstellen lassen und war von seiner Partei auf den zweiten Platz der Liste gesetzt worden. Dieser Platz bietet eine gute Chancen, dass der Kandidat in das Parlament einzieht. Das Hare/Niemeyer-Verfahren, das zurzeit in Niedersachsen bei Kommunalwahlen angewandt wird, erfolgt in drei Stufen. Als Basis werden alle Stimmen benötigt, die überhaupt in Bad Pyrmont abgegeben wurden: 24 360. Erster Schritt: Es wird errechnet, welcher Partei (oder Gruppierung oder Einzelbewerber) wie viele Sitze zugeordnet werden. Insgesamt wurden für den Stadtrat 32 Sitze vergeben. Nun erhielten „Die Grünen“ 1434 von den 24 360 Gesamtstimmen. Nun lautet die Formel, nach der die Sitze berechnet werden: Gültige Stimmen für den Wahlvorschlag mal Anzahl der zu vergebenden Sitze geteilt durch die Anzahl aller gültigen Stimmen. Im Fall der Grünen: 1434 x 32 / 24360 = 1,8. Jeder sogenannte „Wahlvorschlagsträger“ (in diesem Fall die Partei der Grünen) erhält so viele Sitze, wie ganze Zahlen nach dieser Proportionalzahl auf ihn entfallen, also 1. Auf diese Weise – also nur das, was vor dem Komma steht – werden zunächst alle Sitze auf die Parteien/Gruppierungen/Einzelkandidaten verteilt. Danach bleiben in der Regel noch Sitze übrig, sodass der Blick auch auf die Stellen nach dem Komma fällt. Wer hier den höchsten Wert hat, erhält einen weiteren Sitz. So kommen die Grünen mit ihrer „1,8“ auf den zweiten Sitz. Sehr selten passiert es laut Thomas Haß vom Landkreis, dass Kandidaten oder Parteien auch bei drei oder vier Stellen nach dem Komma „pari“ sind, sodass das Los entscheiden muss. Zurück zu Klaus Muchow. Zweiter Schritt: Nun weiß man, dass die Grünen zwei Sitze haben. Wie diese besetzt werden, wird im zweiten Schritt ermittelt. Auch hierfür wird wieder das Hare/Niemeyer-Verfahren angewandt. Diesmal lautet die Formel: 786 (Stimmen für die Grünen x 2 (Sitze) / 1434 (Gesamtstimmen für die Grünen) = 1,09. Wieder wird auf die erste Stelle vor dem Komma geguckt: Ein Sitz für die Grünen. Der zweite Platz reicht Klaus Muchow also nicht. Leonie Glahn-Ejikeme zieht mit den meisten Stimmen in den neuen Rat ein, Ute Michel über ihren Listenplatz 1. Dritter Schritt: Im dritten und letzten Schritt wird berechnet, wie viele der Sitze über die Listenwahl vergeben werden und wie viele über die Personenwahl. Ein Sprung zur CDU zeigt, was das bedeuten kann. Dort hat Bettina Schlüter (auf Platz 8 der Liste) nur 71 Stimmen – zieht aber in den Stadtrat ein –, während Jürgen Drescher (auf Platz neun der Liste) 159 Stimmen hat und außen vor bleibt. Die Rechnung geht folgendermaßen: Insgesamt erhält die CDU 11 Sitze. 1906 (Stimmen für die CDU) x 11 / 8495 (Stimmen der CDU insgesamt) = 2,468. Nun wurden hier mehr Kreuzchen bei den Bewerbern als bei der Liste gemacht, konkret: 1906 Kreuze wurden bei „Liste CDU“ gemacht und 6589 auf die 21 Bewerber verteilt. Auch jetzt wird wieder nach derselben Formel gerechnet. Am Ende erhält die CDU zwei Sitze über die Liste und neun über die Personenwahl. Da diese Kandidaten mit den meisten Stimmen einen Sitz bekommen, werden sie bei der Auswahl aus der Liste nicht mehr berücksichtigt. Erst dann zieht die Liste und davon profitiert Bettina Schlüter als Letzte in der Aufzählung. Jürgen Drescher geht leer aus, wäre aber der erste Nachrücker, wenn ein CDU-Ratsmitglied zu einem späteren Zeitpunkt ausscheidet. Insgesamt sind in Bad Pyrmont über die Listen 8067 Stimmen gezählt worden und 16293 über die Personenwahlen.
Bilderserie
aktualisiert von Dirk Wöltje, 15.09.2016, 08:25 Uhr

Diese Seite in einem sozialen Netzwerk veröffentlichen:

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Yahoo! Bookmarks
  • Windows Live
  • Yigg
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon